Exilparlamentarier warnen: China könnte Besuche von Tibetern in ihrer Heimat für Propaganda nutzen

Für Tibeter, die in Indien, Nepal, Europa oder Nordamerika aufgewachsen sind, gehört der Wunsch, einen betagten Elternteil in die Arme zu schließen, Cousins kennenzulernen, die sie noch nie gesehen haben, oder durch das Dorf ihrer Vorfahren zu gehen, zum gewöhnlichen Familienleben. Peking ist sich dieser Sehnsucht bewusst, und in der tibetischen Exilgemeinschaft wächst die Sorge, dass die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) diese emotionalen Reisen zunehmend als Material für ihre Propaganda nutzt.
Das tibetische Exilparlament erörterte diese Befürchtungen im vergangenen Monat offen, am achten Tag seiner laufenden Sitzung in Dharamsala. Während der Fragestunde befragten mehrere Abgeordnete Kunga Tashi, den für das Sicherheitsdepartement der Zentralen Tibetischen Verwaltung (CTA) zuständigen Minister, zu den Gefahren, denen Exiltibeter ausgesetzt sind, wenn sie in das Gebiet reisen, das China heute offiziell als „Xizang“ bezeichnet. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, an dem die Parlamentarier die Kontrollen innerhalb Tibets als strenger denn je beschrieben.
Minderjährige gehörten zu den sensibelsten Themen, die angesprochen wurden. Einige Abgeordnete berichteten, dass junge Tibeter, die in Europa leben, im Rahmen von Programmen bestimmter Gruppen nach Tibet gebracht worden seien. Sie forderten, Eltern besser darüber zu informieren, welche Risiken und Folgen solche Reisen mit sich bringen könnten. Der Minister antwortete, sein Departement kenne diese Reisen bereits. Seiner Einschätzung nach seien sie zumindest teilweise durch die privaten finanziellen Interessen ihrer Organisatoren motiviert. Er fügte hinzu, dass das Departement entsprechende Maßnahmen ergriffen habe, und rief die Gemeinschaft zu erhöhter Wachsamkeit auf.
Der Parlamentarier Lobsang Gyatso Sither stellte die Frage in den Zusammenhang der chinesischen Wirtschaftsplanung. Er räumte ein, dass ein Besuch Exiltibetern eine wertvolle Gelegenheit bieten könne, Verwandte wiederzusehen und ihre Heimat erneut zu besuchen. Gleichzeitig betonte er, dass die Angelegenheit sorgfältig überdacht werden müsse. Der Tourismus, so stellte er fest, nehme im chinesischen Fünfjahresplan für den Zeitraum 2026 bis 2030 einen bedeutenden Stellenwert ein. Zudem habe Peking ehrgeizige Ziele für die Zahl internationaler Besucher angekündigt. Unter Verweis auf Daten zu den Einreiseverfahren erklärte er, dass inzwischen ein großer Teil der ausländischen Reisenden China im Rahmen von Visumbefreiungen oder vereinfachten Einreiseverfahren erreiche. Diese Entwicklung brachte er mit der raschen Ausweitung des Tourismus auf dem tibetischen Hochplateau in Verbindung. In diesem Zusammenhang, argumentierte Sither, könnte ein tibetischer Besucher als jemand wahrgenommen werden, der Pekings Tourismusoffensive unterstützt oder sogar selbst Teil davon wird.
Kritiker der chinesischen Politik weisen seit Langem darauf hin, dass der Tourismus in Tibet als Schaufenster für die Darstellung der KPCh von Wohlstand und ethnischer Harmonie dient. Gleichzeitig sehen sich unabhängige Journalisten, Diplomaten und Beobachter der Menschenrechte weiterhin mit erheblichen Einschränkungen beim Zugang zu der Region konfrontiert. Ein lächelnder Exiltibeter, der in Lhasa fotografiert wird, passt perfekt in dieses Narrativ.
Sither erinnerte seine Kollegen außerdem daran, dass der vorherige Kashag, das Kabinett der CTA, Reisehinweise für Tibet herausgegeben hatte. Er empfahl Tibetern, die eine Reise planten, diese Vorgaben zu beachten und mit dem Sicherheitsdepartement in Kontakt zu bleiben. Er bedauerte, dass einige Reisen stattgefunden hätten, ohne öffentlich bekannt gemacht zu werden. Zudem verwies er auf einen Widerspruch, den er für besorgniserregend hielt: Einige Exiltibeter hätten im Ausland Asyl erhalten, indem sie die Schwierigkeiten beschrieben, die sie in Tibet erlebt hatten, seien später jedoch dorthin zurückgekehrt.
Andere Abgeordnete wandten sich Reisen zu, die mit Aktivitäten der sogenannten Einheitsfront in Verbindung stehen. Dabei handelt es sich um ein seit Langem bestehendes System der KPCh, mit dem Diasporagemeinschaften, religiöse Persönlichkeiten und ausländische Unterstützer für die eigenen Interessen gewonnen und vereinnahmt werden sollen. Die Abgeordneten fragten außerdem, welche Konsequenzen Tibeter zu erwarten hätten, wenn sie nach ihrer Rückkehr öffentlich über ihre Erfahrungen berichteten.
Kunga Tashi forderte Reisende auf, umsichtig zu handeln und sicherzustellen, dass ihre Anwesenheit in Tibet sie nicht zu Instrumenten chinesischer Propaganda macht. Er kam mehrmals auf diesen Punkt zurück und mahnte die Tibeter, sich bewusst zu bleiben, dass ihre Besuche für politische Zwecke ausgenutzt werden könnten. Wer außerhalb der chinesischen Grenzen von chinesischen Behörden unter Druck gesetzt oder eingeschüchtert werde, solle dies seinem Departement melden, erklärte er. Wie der Minister erläuterte, ermöglichen dokumentierte Fälle transnationaler Repression der CTA, die betroffenen Regierungen auf das Problem aufmerksam zu machen und geeignete Maßnahmen über die entsprechenden Kanäle einzuleiten.
In den Händen der KPCh kann der Besuch eines Sohnes bei seiner Mutter zu einem Foto in einer Broschüre werden, die das „neue Xizang“ feiert. Bevor sie ihre Koffer packen, werden die Tibeter von den Exilbehörden aufgefordert, diese Möglichkeit im Hinterkopf zu behalten.
Quelle: Bitter Winter (von Lopsang Gurung)
